Recht
Warum juristische Urteile trotz Expertise und Sorgfalt streuen und was sich dagegen tun lässt.
Rechtliche Entscheidungen sollen konsistent, nachvollziehbar und unabhängig von sachfremden Faktoren sein.
Die Forschung zeigt, dass das in der Praxis systematisch nicht gelingt. In einer Studie mit deutschen Richterinnen, Richtern und Staatsanwaltschaften beeinflusste eine zufällig gewürfelte Zahl die Strafmaßempfehlung erfahrener Juristinnen und Juristen messbar, obwohl der Wurf keinen Bezug zur Sache hatte (Englich, Mussweiler & Strack, 2006).
Expertise verändert, welche Verzerrungen wirken. Sie hebt sie nicht auf.
Ich helfe Kanzleien, Rechtsabteilungen und Kammern, diese Muster sichtbar zu machen und Urteilsqualität strukturell abzusichern.
Wo Urteilsqualität im Recht verloren geht
Verankerung bei Strafmaß, Schadenshöhe und Vergleich
Numerische Ausgangswerte verankern juristische Urteile unverhältnismäßig stark, selbst wenn die Zahl offensichtlich irrelevant ist (Anchoring). Das Urteil verschiebt sich, weil eine Zahl im Raum steht, unabhängig von ihrer Herkunft, der Würfelbefund aus dem Einstieg ist nur das schärfste Beispiel einer ganzen Studienreihe.
Dieselbe Mechanik wirkt am Verhandlungstisch, die erste Forderung ankert die Vergleichssumme, auch wenn alle Beteiligten sie für überzogen halten.
Rückschaufehler bei Fahrlässigkeitsfragen
Wer den Ausgang kennt, überschätzt rückblickend, wie vorhersehbar er war (Hindsight Bias). Im Recht ist das besonders folgenreich, weil Fahrlässigkeitsurteile zwingend eine Rückschau verlangen.
Allein die Kenntnis des Schadenseintritts führte in einer kontrollierten Studie mit Richterinnen und Richtern zu schärferen Fahrlässigkeitsbewertungen, bei identischem damaligem Wissensstand (Oeberst & Goeckenjan, 2016).
Bestätigungssuche in der Beweiswürdigung
Früh gebildete Hypothesen lenken die weitere Informationsverarbeitung (Confirmation Bias). Bestätigende Befunde bekommen mehr Gewicht, widersprechende Evidenz wird seltener gesucht.
Eine frühe Verdachtsrichtung verformt so den gesamten Prozess, ohne dass der Effekt von innen sichtbar wird (Kassin, Dror & Kukucka, 2013). Die Überzeugung wächst, während die Prüftiefe sinkt.
Streuung und Überschätzung in der Fallbewertung
Derselbe Fall, zwei erfahrene Partner, zwei verschiedene Einschätzungen von Prozessrisiko und Vergleichswert. Diese Streuung (Noise) hat keine Richtung und bleibt deshalb im Alltag unsichtbar. Wie groß sie wird, zeigt etwa die Strafzumessung amerikanischer Bundesrichter innerhalb derselben Städte (U.S. Sentencing Commission, 2019).
Dazu kommt die Selbstüberschätzung. In einer Studie mit 481 Anwältinnen und Anwälten verfehlten 43 Prozent das selbstgesteckte Mindestziel im eigenen Fall, aber nur 18 Prozent hatten das kommen sehen, und Berufserfahrung verbesserte die Treffsicherheit nicht (Goodman-Delahunty et al., 2010). Klagen oder vergleichen ist damit oft die teuerste Entscheidung einer Kanzlei, getroffen auf der unsichersten Grundlage.
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Englich, B., Mussweiler, T., & Strack, F. (2006). Playing dice with criminal sentences: The influence of irrelevant anchors on experts' judicial decision making. Personality and Social Psychology Bulletin, 32(2), 188–200.https://doi.org/10.1177/0146167205282152
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Wie ich arbeite
Mein Gegenstand ist das Urteilen, nicht das Recht.
Das juristische Fachwissen bringst du mit, ich bringe die Systematik dorthin, wo Urteilsfallen die Entscheidungsqualität untergraben, mit realen Fällen und Studienbefunden aus dem juristischen Kontext. Daraus entstehen Checkpunkte, Prüfstandards und Reflexionsformate für den juristischen Alltag.
Impuls oder Keynote
Für Kammern, Fachanwaltslehrgänge und interne Fortbildungen
15 bis 60 Minuten
Preis auf Anfrage.
Workshop
90 bis 240 Minuten, interaktiv und fallbasiert, für Kanzleien, Rechtsabteilungen und Kammern.
Ab 800 Euro
Reibungsdiagnose
Wo streuen Einschätzungen im Team, wo verformen frühe Hypothesen die Fallarbeit? Interviews, Analyse, Briefing für die Partnerebene.
Ab 2.900 Euro
Begleitung
Sparring für Partnerinnen, Partner und Entscheiderkreise, über mehrere Monate
Ab 4.500 Euro
Für Kanzleien und Rechtsabteilungen, die interne Entscheidungsprozesse auf blinde Flecken prüfen wollen,
für Kammern und Fortbildungsträger,
und für Gutachtende und Sachverständige, die die eigene Urteilsvariabilität kennen und senken wollen.
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