Die Autofahrt nach Hause

Was ein leises Radio über unser Denken verrät

Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen.
— Ludwig Wittgenstein

Ich bin spät dran und auf dem Weg nach Hause. Die Autobahn ist frei, noch sechsundachtzig Kilometer geradeaus und den Weg kenne ich im Schlaf. Ein Hörbuch läuft, meine Gedanken sind längst woanders, beim Gespräch von heute Nachmittag, beim Abendessen, bei nichts Bestimmtem. Meine Hände liegen am Lenkrad und ich könnte nicht sagen, was sie gerade tun. Der Wagen hält die Spur, der Abstand stimmt, ein Lkw zieht vorbei. Alles läuft. Und ich bin eigentlich gar nicht dabei.

Du kennst das vermutlich, diesen Zustand, in dem das Auto fast von allein fährt und der Kopf für anderes frei ist. Letzte Woche habe ich geschrieben, wie selten wir die ständige Arbeit unseres Gehirns im Hintergrund überhaupt bemerken. Das Autofahren ist das schönste Beispiel dafür. Etwas in uns erledigt eine schwierige und gefährliche Aufgabe vollkommen zuverlässig und wir bekommen kaum etwas davon mit.

Dann wird es enger. Ich komme in die Stadt, der Verkehr zieht sich zusammen, an der Ampel stockt alles, von rechts drängelt sich jemand herein. Das Hörbuch läuft weiter, aber ich höre es nicht mehr, die Worte rauschen vorbei, ohne anzukommen. Irgendwann stelle ich auf Musik um. Und als ich vor der Tür rückwärts in die enge Lücke zwischen zwei Wagen einfädeln muss, drehe ich die Musik leiser. Und dann ganz aus.

Wahrscheinlich hast du das auch schon getan, ohne darüber nachzudenken. Doch warum eigentlich? Das Radio nimmt dir nicht die Sicht. Die Musik macht die Parklücke nicht enger. Und trotzdem muss sie weg, genau in diesem Moment, bei fast jedem von uns.

Die Antwort verrät einiges darüber, wie wir denken. In unserem Kopf arbeiten zwei sehr verschiedene Weisen zu denken nebeneinander. Der Psychologe Daniel Kahneman hat sie bekannt gemacht, das schnelle und das langsame Denken, in der Fachsprache System 1 und System 2. System 1 ist fast immer im Dienst. Es ist leise, müht sich nie und fühlt sich überhaupt nicht wie Denken an, eher wie Sehen oder Hören, wie etwas, das einfach geschieht. Es ist das, was wir im Alltag unsere Intuition oder unser Bauchgefühl nennen. Es hält den Wagen auf der freien Autobahn auf Spur, es erkennt das Gesicht eines Freundes in der Menge, bevor du danach suchst, und auf die Frage, was dreiundzwanzigmal siebzehn ergibt, sagt es ohne Zögern “na, irgendwas um die vierhundert”.

Damit es so schnell sein kann, nimmt System 1 Abkürzungen. Statt jede Lage von Grund auf zu durchdenken, greift es auf Faustregeln zurück, auf das, was sich in ähnlichen Situationen schon bewährt hat. Solche Faustregeln nennt man Heuristiken, und meistens sind sie goldrichtig. Müssten wir jeden Handgriff, jede Einschätzung, jedes Gespräch erst durchrechnen, kämen wir mit dem Leben nicht hinterher. Das schnelle Denken ist also kein Mangel, den man beheben müsste. Es ist die Bedingung dafür, dass wir überhaupt durch den Tag kommen.

Manchmal aber reicht die Heuristik nicht. Dann meldet sich System 2, das langsame Denken. Es rechnet dreiundzwanzig mal siebzehn wirklich aus und landet nach ein paar Sekunden bei dreihunderteinundneunzig. Es trifft genauer, aber es verlangt etwas, das wir nur in begrenzter Menge haben, nämlich Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit lässt sich nicht teilen. Was System 2 in den einen Gedanken steckt, fehlt überall sonst. Genau das passiert beim Einparken. In dem Moment, in dem das langsame Denken anspringt, bleibt für das Hörbuch, die Musik und die Gedanken an den Abend nichts mehr übrig. Deshalb geht das Radio aus. Es ist kein Aberglaube. Es ist der einzige Punkt der Fahrt, an dem ich deutlich fühle, was Denken mich kostet.

Und jetzt kommt der Teil, der mich umtreibt. Dieses Gefühl der Anstrengung, das mich das Radio ausdrehen lässt, ist eine Warnlampe. Sie geht an, wenn es schwierig wird, wenn ein Fehler teuer wäre, wenn ich genauer hinsehen muss. Dann werde ich wach. Das Problem ist nicht die Lampe. Das Problem ist, dass es für den umgekehrten Fall keine gibt.

Denn wenn System 1 eine Sache mühelos erledigt, bleibt es still. Kein Widerstand, keine Anstrengung, nichts, das sich meldet. Und genau diese Stille tut gut. Sie fühlt sich an wie Leichtigkeit, wie Klarheit, wie der Eindruck, dass die Sache eben einfach stimmt. Aber Stille ist keine Warnung. Sie kommt uns vor wie eine Aussage über die Welt, dabei ist sie nur eine über uns. Sie sagt bloß, dass uns die Antwort glatt und ohne Widerstand eingefallen ist. Ob die Antwort stimmt, sagt die Stille nicht. Leichtigkeit und Wahrheit sind zweierlei und doch verwechseln wir sie ständig.

Wenn du einmal darauf achtest, siehst du, wie oft du dieser Leichtigkeit folgst. Der Mensch, den du nach fünf Minuten eingeschätzt zu haben glaubst. Die Zahl, die du nicht nachrechnest, weil sie aussieht wie erwartet. Die Entscheidung, die sich im Meeting durchsetzt, weil sie allen sofort einleuchtet und keiner widerspricht. In all diesen Momenten verwechseln wir, wie mühelos uns etwas einleuchtet, mit der Frage, ob es richtig ist. So entstehen kognitive Verzerrungen, die systematischen Schieflagen unseres Urteils, die uns alle treffen, auch wenn wir von ihnen wissen. Je glatter ein Urteil kommt, desto weniger haben wir es geprüft. Und desto sicherer fühlen wir uns dabei.

Damit dreht sich die ganze Fahrt um. Der gefährliche Teil ist nicht die enge Lücke. Die fühlt sich schwer an, also bin ich wach, drehe das Radio leiser, sehe in die Spiegel. Die Schwierigkeit übernimmt die Warnung von ganz allein. Gefährlich sind die langen, freien Kilometer davor, die sich nach nichts anfühlen, vertraut, schon tausendmal gefahren. Dort bleibt das Radio an. Dort wandern die Gedanken. Dort fahre ich auf Autopilot und wenn dort etwas schiefgeht, merke ich es erst, wenn es längst zu spät ist.

Genau hier liegt der Grund, warum es sich lohnt, über das eigene Denken nachzudenken. Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass wir klar denken, schließlich tun wir es den ganzen Tag. Aber die Stellen, an denen wir uns am sichersten fühlen, sind oft genau die, an denen niemand mehr hinsieht. Dort warnt uns kein Gefühl, weil sich nichts schwer anfühlt. Klüger zu denken heißt deshalb nicht, sich noch mehr anzustrengen, wenn es ohnehin schon schwer ist. Es heißt, ausgerechnet dann innezuhalten, wenn alles leicht erscheint. Reflexion ist im Grunde nichts anderes, als das Radio leiser zu drehen, obwohl die Straße frei ist.

Vielleicht ist die nützlichste Frage am Ende eines Tages also nicht, wo du dich angestrengt hast. Es ist die leisere Frage, wo dir heute etwas zu leicht gefallen ist.


Für die kommende Woche

Beobachte dich diese Woche einmal selbst beim Denken. Nimm dir nicht die schweren Entscheidungen, die überwachst du ohnehin bewusst. Nimm dir eine leichte, eine, bei der du dir sofort sicher bist, und dreh bei ihr bewusst das Radio leiser. Halte inne und gib ihr fünf Minuten, auch wenn sie die scheinbar nicht braucht. Schau, was sich ändert, wenn du wirklich hinsiehst.

Drei Fragen für unterwegs.

  1. Wann war ich mir diese Woche sofort sicher, ohne nachzudenken? (Habe ich eine neue Person intuitiv eingeschätzt oder jemandem zugestimmt, ohne darüber nachzudenken?)

  2. Wenn ich jetzt nochmal bewusst hinsehe, war meine initiale Einschätzung richtig?

  3. Und falls nicht, was hat mich so sicher gemacht?

Viel Spaß beim Denken und bis nächste Woche.

— Luc

  • Alter, A. L., & Oppenheimer, D. M. (2009). Uniting the Tribes of Fluency to Form a Metacognitive Nation. Personality and Social Psychology Review, 13(3), 219–235.

    Evans, J. St. B. T., & Stanovich, K. E. (2013). Dual-process theories of higher cognition: Advancing the debate. Perspectives on Psychological Science, 8(3), 223–241.

    Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux. (Deutsch: Schnelles Denken, langsames Denken, 2012, Siedler)

    Thompson, V. A., Prowse Turner, J. A., & Pennycook, G. (2011). Intuition, reason, and metacognition. Cognitive Psychology, 63(3), 107–140.


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by Luc Albrecht

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Luc Albrecht

Luc Albrecht schreibt über Denken, Entscheidungen und Selbstreflexion. Er interessiert sich für die Denkfehler, Gewissheiten und Geschichten, die unser Leben prägen und für die Fragen, die Perspektiven verschieben.

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Warum wir alle mehr über unser Denken lernen sollten