Warum du dir sicher bist, obwohl du falsch liegst
Was eine Suchanfrage über unsere Überzeugungen verrät
Letzte Woche endete die Fahrt bei einer unbequemen Einsicht, Leichtigkeit ist nicht gleich Wahrheit. Diesmal geht es dorthin, wo eine Verwechselung am schwersten wiegt, zu unseren eigenen Überzeugungen. Und zu der Frage, warum sich Falschliegen von innen so oft wie Rechthaben anfühlt.
„Das erste Prinzip ist, dass du dich nicht selbst täuschen darfst, und du bist die Person, die am leichtesten zu täuschen ist.“
Die Spülmaschine
Es ist schon ein wenig her, aber ich erinnere mich an ein Abendessen mit einem Freund. Wie so oft spricht man über Gott und die Welt und wir gerate in eine dieser Diskussionen, die zu klein sind, um sie zu gewinnen, und zu groß, um sie loszulassen. Es geht um die Spülmaschine. Er spült von Hand und hält das für sparsamer. „Das Ding rauscht eine Stunde", sagt er, „das kann nicht weniger verbrauchen als meine fünf Minuten am Becken." Ich hingegen verteidige die Spülmaschine mit einer Entschiedenheit, die mich selbst überrascht. Ich höre mich Zahlen sagen, die ich nirgends gelesen habe, zehn Liter gegen vierzig, irgendwo aufgeschnappt und nie geprüft. Der Abend neigt sich dem Ende zu, wir verabschieden uns freundlich und unentschieden.
Auf dem Heimweg merke ich aber, dass mich die Sache nicht loslässt. Nicht weil mich mein Wasserverbrauch jetzt brennend interessieren würde, sondern weil ich recht behalten will. Und eine Schicht darunter liegt etwas Ehrlicheres. Ich spüle nicht gern von Hand. Ich habe es nie gern getan und eine Welt, in der die Maschine auch noch die sparsamere ist, ist eine Welt, die mir sehr entgegenkommt.
Später am Abend sitze ich am Handy und will die Sache kurz nachschlagen. Ich öffne den Browser, das Suchfeld wartet und meine Finger tippen wie von selbst, Spülmaschine verbraucht weniger Wasser als Handspülen.
Die Seite lädt und ich halte inne… denn in dieser Anfrage steckt kein Fragezeichen. Sie enthält das Urteil schon, bevor die erste Antwort erschienen ist. Ich wollte nicht herausfinden, wer recht hat. Ich wollte mir Material holen, um recht zu behalten.
Also lösche ich die Zeile und formuliere neutral, Wasserverbrauch Spülmaschine Handspülen Vergleich. Das fühlt sich einen Moment lang sehr erwachsen an, bis ich bemerke, was meine Augen mit den Ergebnissen machen. Der erste Treffer gibt mir recht und ich klicke ihn an, lese wohlwollend, nicke innerlich. Der zweite widerspricht, jedenfalls teilweise: Handspülen könnte sparsamer sein, wenn man diszipliniert im gefüllten Becken spült statt unter laufendem Wasser. Und auf einmal bin ich Gutachter. Wer hat das gemessen? Welche Maschine? Welches Baujahr? Und wer spült bitte so diszipliniert (ich jedenfalls nicht, das war ja der Ausgangspunkt)? Die Einwände sind alle berechtigt, doch warum hatte ich sie beim ersten Treffer nicht erhoben?
Gleiche Datenlage, zwei Maßstäbe.
Du kennst diese Bewegung vermutlich, auch wenn sie sich bei dir andere Orte sucht. Man tippt selten “stimmt es, dass…”. Man tippt die Antwort, die man haben will, und lässt das Netz sie vervollständigen. Dieselbe Bewegung läuft im Gespräch, wenn wir beim Zuhören schon Gegenargumente sortieren, statt zu hören, was der andere sagt. Sie läuft im Bericht, in dem wir die Zahl, die zur eigenen Einschätzung passt, freundlich empfangen und die unpassende dreimal nachrechnen lassen. Sie läuft im Feed, der uns längst so zusammengestellt ist, dass der Widerspruch gar nicht erst aufkommt.
Dieses Muster hat einen Namen. Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) beschreibt unsere Neigung, Informationen so zu suchen, so zu deuten und so zu erinnern, dass sie stützen, was wir ohnehin glauben. Der Psychologe Raymond Nickerson hat ihn einmal durch all seine Verkleidungen verfolgt und kam zu dem Schluss, dass kaum eine andere Schieflage unseres Urteilens so verbreitet ist. Das Entscheidende daran ist die Asymmetrie. Wir fälschen ja nichts. Wir erfinden keine Belege und lügen uns nicht ins Gesicht. Wir verteilen nur die Beweislast ungleich. Was uns passt, wird durchgewunken, was uns widerspricht, muss durch die strenge Prüfung.
Und die Richtung dieser Asymmetrie fällt nicht vom Himmel. Sie kommt von dem, was wir uns wünschen. Die Psychologin Ziva Kunda hat gezeigt, dass Wünsche, Selbstbild und Zugehörigkeit dem Denken ein leises Ziel vorgeben, zu welchem Schluss es bitte kommen soll, und dass das Denken dann erstaunlich gewissenhaft darauf hinarbeitet. Wir denken in solchen Momenten wie ein Anwalt, dem das gewünschte Ergebnis vorgegeben wurde und der nun die Begründung baut. Der Anwalt lügt nicht. Er wählt aus, betont, gewichtet. Genau das habe ich mit dem Handy in der Hand getan, und der Auftraggeber war der Teil von mir, der nie wieder von Hand spülen will.
Von innen fühlt sich das alles übrigens nach gar nichts an. Das ist die Stelle, an der die Autofahrt von letzter Woche wieder einsetzt. Anstrengung hat eine Warnlampe, Leichtigkeit hat keine. Der Gedanke, der zu meiner Überzeugung passt, kommt schnell, glatt und ohne Widerstand. Diese Flüssigkeit (Fluency) erzeugt ein Gefühl, das die Forschung das Gefühl von Richtigkeit (Feeling of Rightness) nennt. Es ist das Signal, das darüber entscheidet, ob wir weiterdenken oder aufhören. Ist die empfundene Richtigkeit hoch, wird das Denken beendet. Nur misst dieses Gefühl nicht, ob wir richtig liegen. Es misst, wie leicht uns die Antwort gefallen ist. Und weil die genehme Antwort fast immer die leichtere ist, fühlt sich Bestätigen von innen genauso an wie Prüfen, nur angenehmer.
Die naheliegende Rettung wäre jetzt mehr Verstand. Wer klüger ist und besser informiert, geübter im Argumentieren, müsste dem doch entkommen. Es ist ein schöner Gedanke, doch er ist falsch. Die Forschung zeigt eher das Gegenteil. Wer mehr Denkkraft hat, verteidigt seine Seite nur besser, denn die Klügeren finden mehr Gründe, elegantere Gründe und sie finden sie schneller. Der Verstand ist in diesen Momenten nicht der Richter, der über unsere Überzeugungen urteilt, sondern ihr Verteidiger.
Damit löse ich ein Versprechen ein, das ich im ersten Text dieser Reihe gegeben habe, nämlich zu zeigen, warum Überzeugungen oft stabiler sind als gute Argumente. Der Grund ist nicht, dass die Argumente zu schwach wären. Argumente treten in unserem Kopf nur selten als Gegner auf. Sie werden neu ausgelegt. Eine Überzeugung, die sich bedroht fühlt, stellt die besten verfügbaren Argumente in ihren Dienst und je mehr davon da sind, desto sicherer fühlt sie sich hinterher. Mehr Wissen macht das Ganze für uns nicht leichter, sondern gibt uns nur mehr Wege, uns zu verteidigen.
Ich hatte übrigens recht, an jenem Abend. Die Maschine verbraucht bei normaler Nutzung tatsächlich weniger Wasser als das übliche Spülen von Hand und die Sache ist ordentlich untersucht. Eine Weile habe ich mich darüber gefreut. Dann fiel mir auf, dass genau das der beunruhigendste Teil der Geschichte ist. Denn meine Sicherheit hätte sich exakt gleich angefühlt, wenn ich falsch gelegen hätte. Ich hätte dieselbe Anfrage getippt, passende Treffer gefunden, dieselben Einwände gegen die Gegenseite erhoben und dasselbe innere Nicken gespürt. Diesmal war das Ergebnis richtig. Der Weg dorthin hätte mich jedoch mit derselben Leichtigkeit zum Irrtum getragen.
Seitdem sehe ich Suchfelder anders an. Sie sind so leer und so geduldig, sie fragen nichts zurück und sie liefern zu jeder Überzeugung die passende Bestätigung, wenn man sie nur richtig fragt. Die Richtung geben wir ihnen selbst, meistens ohne es zu merken. Vielleicht ist die ehrlichere Frage deshalb nicht, wovon du überzeugt bist, sondern wann du zuletzt deine Meinung geändert hast, weil ein Argument besser war als deins.
Für die kommende Woche
Nimm dir eine Überzeugung, bei der du dir sicher bist (keine weltanschauliche Grundsatzfrage, eine mittlere reicht). Und dann suche bewusst das beste Gegenargument, das du finden kannst. Nicht, um deine Überzeugung aufzugeben, sondern um zu sehen, ob du das Gegenargument finden kannst und was dein Kopf mit ihm macht, während du liest.
Drei Fragen für unterwegs:
Wovon bin ich überzeugt, ohne es je geprüft zu haben? (Die Zahlen, die ich zitiere, ohne zu wissen, woher sie stammen? Die Annahmen, die ich vielleicht von Freunden oder der Familie übernommen habe?)
Wann habe ich zuletzt meine Meinung geändert, weil ein Argument besser war als meins?
Und in dem, was ich gerade lese oder suche: Suche ich Wahrheit oder Bestätigung?
Viel Spaß beim Denken und bis nächste Woche.
— Luc
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Weiterlesen
Kahan, D. M. (2013). Ideology, motivated reasoning, and cognitive reflection. Judgment and Decision Making, 8(4), 407–424.
Kunda, Z. (1990). The case for motivated reasoning. Psychological Bulletin, 108(3), 480–498.
Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220.
Thompson, V. A., Prowse Turner, J. A., & Pennycook, G. (2011). Intuition, reason, and metacognition. Cognitive Psychology, 63(3), 107–140.
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