Was Selbstreflexion wirklich ist und was nicht
Warum Grübeln sich anfühlt wie Denken und doch nichts klärt
Die letzten Wochen ging es ums Bemerken, wie das eigene Denken uns täuscht und wie sicher sich das anfühlt. Aber Bemerken ist erst der Anfang. Die eigentliche Frage ist, was wir mit dem Bemerkten anfangen. Diesmal also der Schritt vom Sehen zum Verstehen und warum das, was wir dafür halten, uns oft nur eine Nacht Schlaf kostet.
„Grabe in deinem Inneren. Dort ist die Quelle des Guten und sie sprudelt immer, wenn du nur gräbst.“
Die Schleifen in meinem Kopf
Es ist kurz nach zwei und ich bin hellwach. Nicht weil etwas Schlimmes passiert ist, sondern weil zu viel gleichzeitig durch meinen Kopf geht. Der Antrag, der morgen raus muss. Der Rückruf, den ich seit drei Tagen aufschiebe. Der Termin am Freitag, auf den ich mich noch vorbereiten muss, und der Artikel, den ich noch schreiben muss. Und quer durch all das die leise Stimme, die mir sagt, dass ich diese Woche nur am Schreibtisch gesessen und zu wenig Zeit mit meiner Frau verbracht habe. Und jetzt liege ich da und sortiere. Oder zumindest glaube ich, dass ich sortiere. In Wahrheit hebe ich jeden Gedankenfaden hoch, drehe ihn, lege ihn zurück, greife den nächsten und oh, der erste liegt schon wieder oben. Es fühlt sich nach Vorbereitung an, doch am Morgen ist keine einzige Sache mehr erledigt als vorher und ich bin müder als am Abend.
Ich habe das lange für Planung gehalten, im schlimmsten Fall für ein bisschen Sorge. Aber Planung sollte etwas abschließen. Sie führt zu einer Notiz, einer Reihenfolge, einer Entscheidung. Das hier schließt nie etwas ab. Es dreht sich. Und genau da liegt ein Unterschied, den ich lange nicht gesehen habe: Nicht jedes Nachdenken über das eigene Leben ist Selbstreflexion. Das meiste, was uns nachts wach hält, ist Grübeln, und die beiden fühlen sich von innen fast gleich an.
Die Psychologie hingegen trennt sie sauber. Trapnell und Campbell haben Ende der Neunziger gezeigt, dass wir aus zwei völlig verschiedenen Gründen nach innen schauen. Der eine ist Neugier und ein echtes Interesse daran, wie es in einem aussieht. Dies nannten sie Reflexion. Das andere ist das dumpfe Gefühl, dass etwas nicht stimmt und abgestellt werden muss, wie ein Alarm, der nicht aufhört. Das ist Grübeln oder, als Fachwort, Rumination. Von außen sehen beide gleich aus: ein stiller Mensch, in sich gekehrt. Von innen führen sie jedoch in entgegengesetzte Richtungen.
Der Unterschied ist dabei nicht, wie viel man nachdenkt, sondern wohin man währenddessen schaut. Grübeln stellt eine Frage, die keine Antwort hat, und das zumeist, ohne dass wir sie überhaupt aussprechen. Zum Beispiel: Wie soll ich das alles schaffen? Warum wird es nie weniger? Warum kriege ich nicht auf die Reihe, was andere offenbar hinbekommen?
Diese Fragen klingen nach einem Problem, das man lösen könnte (so klingen sie immer), aber sie zielen auf nichts Bestimmtes, sondern halten einem nur das ganze Gewicht auf einmal vor die Augen. Man kann das eine ganze Nacht lang tun, ohne dass je etwas herauskommt, weil nichts herauskommen soll. Das Kreisen ist der Zweck und es hält die Sorge in Bewegung, damit sie sich nicht setzt.
Es lohnt zu fragen, warum wir überhaupt mit unseren Gedanken kreisen, wenn es doch nichts löst. Ein Teil der Antwort ist ein alter Befund. Die Psychologin Bluma Zeigarnik ließ 1927 gut einhundertsechzig Menschen kleine Aufgaben lösen und unterbrach die Hälfte davon mitten in der Arbeit. Hinterher erinnerten sich die meisten an die unterbrochenen Aufgaben deutlich besser als an die fertigen, im Schnitt fast doppelt so gut. Unerledigtes bleibt im Kopf aktiv, Erledigtes fällt ab. Offene Schleifen drängeln lauter als geschlossene und nachts sind fast alle Schleifen offen. Der andere Teil, und der wiegt schwerer, ist die Unsicherheit. Grübeln fühlt sich an, als täte man etwas gegen sie. Solange ich die Fäden in der Hand halte und immer wieder durchgehe, habe ich das Gefühl, die Sache unter Kontrolle zu haben, vorbereitet zu sein, dass mir nichts entgeht. Das ist die eigentliche Belohnung. Es ist keine Lösung, sondern das Versprechen, für alles gewappnet zu sein. Deshalb fühlt sich Aufhören wie Nachlässigkeit an und deshalb hilft der gut gemeinte Rat, einfach nicht mehr daran zu denken, so wenig. Man gibt ja kein Problem auf, man gibt scheinbar die Kontrolle auf. Der Preis dafür ist hoch, denn das Kreisen hält den Körper in Alarmbereitschaft; Herzschlag und Anspannung bleiben oben, als stünde eine Handlung bevor, die nie kommt.
Reflexion jedoch dreht die Blickrichtung. Sie nimmt nicht das ganze Gewicht, sie nimmt einen Punkt und fragt konkret: Was von all dem gehört wirklich in diese Nacht und was habe ich nur mit ins Bett genommen? Was ist morgen die eine Sache, die zählt? Und was kann warten, ohne dass die Welt stehen bleibt?
Und manchmal, eine Schicht tiefer: Worum geht es hier eigentlich?
Das ist keine neue Warum-Frage über mich, die sich nur weiterdreht, sondern eine, die auf etwas Bestimmtes hindeutet und deshalb eine Antwort zulässt. Denn oft ist die Liste gar nicht das Problem. Unter den Terminen und dem Rückruf liegt die leisere Sorge, dass zwischen all dem kein Platz mehr bleibt für die Menschen, für die ich das Ganze angeblich tue (mich eingeschlossen). Sobald ich das benenne, hört das Kreisen auf. Nicht weil die Aufgaben weg wären, sondern weil ich endlich weiß, worüber ich mir in Wahrheit den Kopf zerbreche.
Dieser Perspektivwechsel ist genau das, was diese Reihe von Anfang an anstrebt. Das Radio leiser zu drehen, um das eigene Denken zu bemerken, war die ganze Zeit schon Selbstreflexion, sie hatte nur keinen Namen. Und sie zeigt etwas, das mich immer wieder überrascht: Anstrengung allein ist nichts wert!
Grübeln ist anstrengend, es kostet Schlaf und Nerven, das langsame Denken läuft die halbe Nacht auf Hochtouren. Aber es läuft im Leerlauf mit viel Aufwand und ohne Weg. Wie ein durchgedrücktes Gaspedal, ohne dass ein Gang eingelegt ist. Nicht die Menge des Nachdenkens bringt Klarheit, sondern seine Richtung.
Für mich ist das mehr als eine Frage des besseren Schlafs. In meiner Arbeit über Kritisches Denken ist die Selbstreflexion der Teil, der am meisten unterschätzt wird. Wir halten Kritisches Denken für etwas, das sich nach außen richtet, auf Argumente, auf Behauptungen und auf die Fehler der anderen. Aber der schwerste und wichtigste Gegenstand ist der eigene Kopf, und den kann man nur betrachten, wenn man aufhört, ihn verteidigen zu wollen, und ihm stattdessen zuhört. Grübeln zerlegt alles, ohne es wieder zusammensetzen zu wollen. Reflexion hingegen fragt, was hier eigentlich los ist. Das eine kreist, das andere klärt.
Vielleicht ist die Frage also nicht, ob ich nachts über mein Leben nachdenke. Das tue ich um zwei Uhr zur Genüge. Die Frage ist, ob mein Nachdenken irgendwo ankommt oder nur an derselben Stelle verharrt. Und ob ich, wenn ich das nächste Mal wach liege und die Liste durch meinen Kopf zieht, die eine Frage finde, die aus dem Kreis herausführt.
Für die kommende Woche
Wenn du diese Woche nachts wachliegst und alles Offene gleichzeitig durch deinen Kopf zieht, halt einen Moment inne und nimm dir nicht das Ganze vor, sondern eine einzige gerichtete Frage. Nicht ”Wie schaffe ich das alles?”, sondern “Was von all dem gehört wirklich in diese Nacht und worum geht es hier eigentlich?”. Achte darauf, ob sich etwas setzt, sobald die Frage von der ganzen Last weg und auf einen Punkt zeigt.
Drei Fragen für unterwegs.
Grüble ich gerade oder reflektiere ich? Halte ich mir alles auf einmal vor oder frage ich nach einem Punkt?
Welche Sorge zieht seit Tagen ihre Kreise, ohne dass ich sie je beim Namen genannt habe?
Worum geht es mir hier eigentlich, unter der Liste?
In diesem Sinne eine schöne Woche und bis nächsten Donnerstag.
— Luc
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Flavell, J. H. (1979). Metacognition and cognitive monitoring: A new area of cognitive–developmental inquiry. American Psychologist, 34(10), 906–911. https://doi.org/10.1037/0003-066X.34.10.906
Grant, A. M., Franklin, J., & Langford, P. (2002). The Self-Reflection and Insight Scale: A New Measure of Private Self-Consciousness. Social Behavior and Personality: an international journal, 30(8), 821–835. https://doi.org/10.2224/sbp.2002.30.8.821
Trapnell, P. D., & Campbell, J. D. (1999). Private self-consciousness and the five-factor model of personality: Distinguishing rumination from reflection. Journal of Personality and Social Psychology, 76(2), 284–304. https://doi.org/10.1037/0022-3514.76.2.284
Zeigarnik, B. (1938). On finished and unfinished tasks. In W. D. Ellis (Hrsg.), A source book of Gestalt psychology. (S. 300–314). Kegan Paul, Trench, Trubner & Company. https://doi.org/10.1037/11496-025
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