Warum du dich angegriffen fühlst, obwohl niemand angreift

Wie aus einem Satz ohne Smiley ein Angriff wird, den es nie gegeben hat

Bisher ging es hier vor allem um unseren eigenen Kopf und wie unser schnelles und langsames Denken in ihm arbeitet. Heute schauen wir uns an, was passiert, wenn ein zweiter Kopf dazukommt. Genauer gehen wir der Frage nach, warum zwei Menschen dasselbe erleben, aber doch völlig unterschiedliche Erfahrungen daraus ziehen können, und warum gerade das ein Konfliktpotenzial bergen kann.

Die einzige wirkliche Reise, der einzige Jungbrunnen bestünde nicht darin, neue Gegenden aufzusuchen, sondern neue Augen zu bekommen, das Universum mit den Augen anderer, von hundert anderen zu sehen, die hundert Universen zu sehen, die jeder von ihnen sieht, die jeder von ihnen ist.
— Marcel Proust, Die Gefangene
Studienskizze eines Smartphones in dunkler Tinte, auf dem Display eine leere Sprechblase, deren Kontur in Terracotta gehalten ist, dazu lockere Terracotta-Hilfslinien, ein Konstruktionskreis und feine Achsen, kein Text im Bild.

Es war nur eine Textnachricht

Ich hatte einen schlechten Tag. Ich bin nicht wirklich ausgeschlafen, die Arbeit türmt sich und in meinem Kopf geht wahnsinnig viel vor. Mein Handy plingt und ich sehe neue Nachrichten in der gemeinsamen Signal-Gruppe unserer Freundesgruppe. Vor Kurzem hatten wir über alte Bilder von uns gelacht und uns gegenseitig aufgezogen. Da sehe ich, dass eine Freundin auf eine meiner in meinem Kopf scherzhaft gemeinten und im Messenger formulierten Bemerkungen geantwortet hat. Der Satz ist kurz, enthält keine Smileys und wirkt kühl auf mich, ja, nahezu angreifend. Ich merke, wie es in mir sticht und sich negative Gefühle entwickeln. Im Gespräch mit meiner Frau erzähle ich ihr davon und sie schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an. “Ich weiß nicht, was du da hineininterpretierst, aber auf mich wirkt das wie eine normale Antwort und nichts gegen dich.” Mein innerlicher Druck wird höher. Jetzt sieht nicht mal meine Frau, wenn ich angegriffen werde, und verteidigt die Freundin auch noch. Ich fühle mich missverstanden und meine Laune ist im Keller…

Über genau solche Situationen soll es diese Woche gehen. Situationen, wie wir sie jeden Tag erleben, und die Selbstverständlichkeit, mit der wir sie interpretieren.

Der Satz meiner Freundin hatte einen Ton für mich, den ich ihm beim Lesen in meinem Kopf gegeben habe. Er war für mich so klar und eindeutig, dass ich an seinem Subtext nicht gezweifelt habe. Dass dieser Ton aber nicht im Satz stand, ist mir erst später klar geworden, als ich über ein paar Studien zu diesem Phänomen gestolpert bin.

Eine Textnachricht allein ist dabei kein großes Ding. Was wir daraus machen, kann jedoch Dimensionen annehmen, die unseren zwischenmenschlichen Beziehungen schaden. Wenn wir Gespräche daraufhin eskalieren lassen, Unterstellungen aussprechen und Freundschaften daran aufhängen, obwohl diese Sätze so nie gemeint waren.

Der Ton steht nicht im Satz

Justin Kruger und Nicholas Epley haben Mitte der Zweitausender genau diese Situation untersucht. Sie haben Menschen einander Sätze schreiben lassen, die teils ernst, teils ironisch gemeint waren, und sie schätzen lassen, wie viel von diesem Subtext beim Gegenüber ankommen würde. Die Absender waren sich extrem sicher, dass 97 % ihre Botschaften klar richtig verstanden werden müssten. Die Realität zeigte aber, dass nur 84 % der Nachrichten richtig interpretiert wurden.

Was erst mal nach einem geringen Ausmaß klingt, trifft aber eine Aussage über unsere Selbsteinschätzung, denn damit verschätzen wir uns in der Eindeutigkeit unserer Nachrichten deutlich häufiger, als uns bewusst ist. Und wer möchte schon in 16 % der Fälle missverstanden und daran gemessen werden?

Der eigentliche Fund kam im zweiten Schritt des Experiments, wo dieselben Sätze einmal mit der eigenen Stimme vorgelesen und einmal als E-Mail verschickt wurden. Über die Stimme kamen etwa drei Viertel der Nachrichten richtig an. Über die Mail war die Trefferquote hingegen nicht mehr unterscheidbar von einem Münzwurf und lag bei 50 %. Die Zuversicht der Absender blieb aber weiterhin gleich hoch! Der Kanal veränderte also, wie die Nachrichten bei den Empfangenden ankamen, während die empfundene Klarheit der Absendenden gleich blieb. Ein und derselbe Satz kann als E-Mail anders klingen als eine WhatsApp-Nachricht.

Die Erklärung ist dabei sehr schlicht. Wer einen ironischen Satz tippt, hört seinen eigenen ironischen Ton beim Tippen unweigerlich mit und dieser trägt eine Information, die die Eigenschaften des Satzes für die Absendenden komplettiert. Diese ergänzende Information fehlt jedoch, wenn nur der Text übermittelt wird.

Der Satz, den ich schreibe, klingt für mich so, wie ich ihn in meinem Kopf höre. Der Satz, den du liest, klingt so, wie du ihn beim Lesen hörst. Es sind zwei verschiedene Sätze und keiner merkt es.

Wie die Fußball-WM das deutlich macht

Die Fußball-WM hat diesen Effekt wieder sehr schön deutlich gemacht. Wir sehen unsere eigenen Teams kämpfen und gefoult werden, während das andere Team nur Schwalben hinlegt. Und überhaupt, der Schiri pfeift immer gegen unser Team.

Spricht man mit Fußball-Fans, sagen sie das sogar selbst: “Ich bin da nicht objektiv…, aber”.

Und genau das ist ein besonderer Moment. Wo sich so eine subjektive Verzerrung auch von innen wie eine Verzerrung anfühlt und es auch jedem klar ist, dass das eigene Team das beste ist, geben wir sie ohne Weiteres zu und sind nicht selten stolz darauf (man ist dann ein richtiger Fan). Gefährlich wird das allerdings dann, wenn sich diese Parteilichkeit nicht nach subjektivem Zusammenhaltsgefühl anfühlt, sondern wie eine Sachlage.

Genau das haben Albert Hastorf und Hadley Cantril schon 1954 untersucht, als sie Studenten der Universitäten Dartmouth und Princeton Aufnahmen eines Spiels ihrer beiden Teams zeigten, das ein paar Jahre zuvor ein wenig aus dem Ruder gelaufen war und mit einer gebrochenen Nase und einem gebrochenen Bein endete. Sie ließen die Studenten beider Unis die Regelverstöße zählen, wobei deutlich wurde, dass die Princeton-Studenten etwa doppelt so viele Verstöße bei der Dartmouth-Mannschaft sahen wie die Dartmouth-Studenten.
Zudem gaben 36 Prozent der Dartmouth-Studenten an, Dartmouth habe mit dem harten Spiel angefangen, bei den Princeton-Studenten waren es 86 Prozent.

Es war derselbe Film, dieselben Bilder, aber zwei verschiedene Spiele.

Warum wir das bei anderen so schnell erkennen

In einer 2002 durchgeführten Studie von Emily Pronin, Daniel Lin und Lee Ross wurden Menschen gefragt, wie anfällig sie sich selbst für verschiedene Denkfehler einschätzen würden und wie anfällig ihre Mitmenschen ihrer Meinung nach seien. Das Ergebnis war so interessant wie erwartbar: Die Befragten hielten sich für weniger anfällig als den Durchschnitt. Soweit so gut. Dabei mischten die Forschenden aber auch Dinge mit in die Liste, die keine unsichtbaren Verzerrungen sind, sondern kleine Alltagsschwächen, die man leicht an sich selbst spürt, wie Prokrastination, Lampenfieber oder die Neigung, den eigenen Zeitbedarf zu unterschätzen. Bei diesen drei Items verschwand die Selbstüberschätzung vollständig und kippte tendenziell sogar.

Ich habe am Anfang dieser Essayreihe von der Warnlampe im Kopf geschrieben, die nur dann angeht, wenn sich etwas anstrengend anfühlt. Dieses Mal taucht sie auch wieder auf, denn in unserem eigenen Kopf fühlt sich die Welt um uns herum kohärent an. Wir interpretieren sie so, dass daraus ein stimmiges Gesamtbild entsteht und dieses Gefühl von Stimmigkeit macht uns blind für potenzielle Verzerrungen, durch die wir unsere Welt betrachten.

Ein Gespräch fühlt sich von innen klar und eindeutig an, unsere Wahrnehmung als die gültige Realität. Dabei ist sie genau das: unsere Wahrnehmung.

Der Perspektivwechsel

Wenn man das so liest, ist die Lösung eigentlich klar: Wir müssen einander besser zuhören und uns mehr in andere hineinversetzen. Aber obwohl das natürlich stimmt, trifft es dieser Rat, den wir schon hundertmal gehört und zu selten umgesetzt haben, nicht so ganz.

Der Grund steckt in dem, was wir gerade gesehen haben. Man versetzt sich nicht in andere Personen, wenn sich das, was man gerade erlebt, wie die Wirklichkeit anfühlt. Es fehlt schlichtweg der Trigger, diesen Aufwand, den ein Perspektivwechsel mit sich bringt, auf sich zu nehmen.

Dabei haben wir grundsätzlich die Fähigkeit dazu. In der ersten genannten Studien kam das meiste an, jedoch fehlte das Wissen um die Lücke, wenn doch etwas anders rüberkam. Wir wären fantastische Zuhörer, wenn wir ahnen würden, an welchen Stellen wir nachfragen müssten. Ein reiner Vorsatz allein hilft hier nicht, besonders wenn starke Emotionen involviert sind, wie im Beispiel aus meinem Alltag. Man könnte es allein auf die Tatsache schieben, dass ich einen schlechten Tag hinter mir hatte, aber das wäre der leichte Erklärungsansatz und er würde niemandem gerecht. Trotzdem verstärken unsere emotionalen Zustände diese Neigung zu Missverständnissen enorm, indem sie uns noch stärker in den Tunnel unserer eigenen Perspektive ziehen.

Was hilft, ist, die Sicht des anderen einmal ausgesprochen wiederzugeben. Was zunächst wie eine Gesprächstechnik aussieht, lässt uns wiedergeben, wie wir meinen das Gegenüber verstanden zu haben. So entsteht ein Raum, in dem Missverständnisse korrigiert werden können, bevor sie eskalieren.

Die kühle Antwort meiner Freundin von neulich war übrigens keine. Sie hatte nur ähnlich ironisch wie ich eine Antwort rausgehauen, deren Ironie mir entgangen war. Damit war die hochgezogene Augenbraue meiner Frau

Ein kleiner Gedanke zum Abschluss: Vielleicht sollten wir immer dann, wenn sich etwas für uns absolut klar anfühlt, das als verlässliches Zeichen dafür deuten, dass wir gerade nur uns selbst hören. Auf diese Weise schulen wir unser Gefühl für solche Situationen und können den einen oder anderen Stolperstein auslassen.


Für die nächste Woche

Fass in einem Gespräch diese Woche einmal die Sicht deines Gegenübers laut zusammen, bevor du antwortest. Sollten sich Missverständnisse zeigen, redet darüber, bis du die andere Sicht auf den Punkt bringen kannst. Nutz das nicht als Technik, sondern als Kalibrierungscheck, wie oft du beim ersten Versuch daneben liegst.

Und wenn du eine Nachricht schreibst, bei der der Ton zählt, lies sie einmal in dem Ton, den du am wenigsten gemeint hast. Wenn sie auch dann funktioniert, ist sie mehrdeutig und für dein Gegenüber schwerer zu interpretieren.

Drei Fragen für die Woche.

  1. Fühlt sich meine Sicht gerade wie eine Perspektive/Meinung an oder wie die Realität?

  2. Was genau hat der andere gesagt und was habe ich davon hinzugefügt?

  3. Wo bin ich sicher, verstanden worden zu sein, ohne es je überprüft zu haben?

Viel Freude beim Denken, bis nächste Woche.
— Luc



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by Luc Albrecht

Exploring how we think, decide and create clarity

Luc Albrecht

Luc Albrecht schreibt über Denken, Entscheidungen und Selbstreflexion. Er interessiert sich für die Denkfehler, Gewissheiten und Geschichten, die unser Leben prägen und für die Fragen, die Perspektiven verschieben.

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Warum du dranbleibst, obwohl du aussteigen solltest