Warum du dranbleibst, obwohl du aussteigen solltest

Was uns wirklich an einer Sache festhält, die uns längst nichts mehr gibt

Bisher ging es meist um den Moment, in dem wir urteilen. Diesmal um etwas, das noch schwerer loszulassen ist: die Vergangenheit. Warum wir an Dingen festhalten, die uns längst nichts mehr geben, nur weil wir schon so viel hineingesteckt haben und warum der Grund dafür selten der ist, den wir uns selbst erzählen.

Das Leben kann nur rückwärts verstanden, aber es muss vorwärts gelebt werden.
— Søren Kierkegaard
Studienskizze einer Kinokarte in dunkler Tinte, die abgerissene Ecke in Terracotta, dazu in Terracotta ein Konstruktionskreis um die Karte und ein kleiner Pfeil, der sich nach hinten biegt.

Der Film ist schlecht. Nach einer halben Stunde ist klar, dass er nicht mehr gut wird. Die Figuren bleiben flach, die Handlung schleppt, trotzdem bleibe ich sitzen. Ich habe ja schon eine halbe Stunde investiert und außerdem, vielleicht kommt ja noch etwas. Doch es kommt nichts. Am Ende habe ich zwei Stunden verloren statt einer und mein einziger Gewinn ist der Trotz, es durchgezogen zu haben.

Für sich genommen ist das harmlos, ein verlorener Abend. Aber dasselbe Phänomen steckt auch in den großen Dingen. Das Studium, das seit dem dritten Semester nicht mehr passt, aber… jetzt bricht man doch nicht mehr ab! Das Projekt, in das schon so viel Geld geflossen ist, dass ein Ausstieg sich anfühlt wie eine Niederlage, also gibt man lieber noch etwas dazu (es wird sich bestimmt auszahlen). Das teure Gerät, das man weiter benutzt, obwohl ein anderes längst besser wäre, denn es hat ja Geld gekostet. Und auch in Beziehungen kann man das ein oder andere Mal beobachten, zum Beispiel wenn man mit jemandem befreundet bleibt, obwohl die andere Person einem nicht guttut, nur weil man ja schon so lange befreundet ist.

Warum wir gutes Geld dem schlechten hinterherwerfen

In den Wirtschaftswissenschaften hat der Kern dieses Phänomens bereits lange einen nüchternen Namen, die Sunk-Cost-Fallacy oder auch eskalierendes Commitment. Diese versunkenen Kosten meinen alles, was uns schon etwas gekostet hat und was wir nicht mehr zurückholen können, wie zum Beispiel Geld, Zeit oder Mühe. Unser klarer Kopf würde sagen, dass die Kosten, die wir bereits investiert haben, eigentlich nicht zählen, schließlich sind sie weg, unabhängig davon, wie ich mich entscheide. Zählen sollte daher allein, was die Zukunft bringt, egal, ob es sich dabei um eine weitere Stunde Film, das nächste Jahr Studium oder die weitere Investition in ein Projekt handelt. Unsere Wahrnehmung ist in dieser Hinsicht jedoch alles andere als klar rational, eine klare kognitive Verzerrung.

Zwei Psychologen, Hal Arkes und Catherine Blumer, haben das Mitte der Achtziger auf den Prüfstand gestellt. Man stelle sich vor, man hat aus Versehen zwei Skiwochenenden gebucht, ein teures und ein günstigeres und dann auch noch beide am selben Termin. Leider sind beide Urlaube nicht mehr erstattbar. Auf dem günstigeren Trip, das weiß man, würde man sich eigentlich wohler fühlen. Dennoch fährt gut die Hälfte der Personen, denen man dieses Dilemma vorlegt, in den teureren Urlaub, denn der höhere Preis zieht. Obwohl das für das Wochenende selbst keinen Unterschied mehr macht, bleibt man an dem bereits verlorenen Wert haften. Wir werfen, wie das Sprichwort so schön sagt, gutes Geld dem schlechten hinterher.

Es geht nicht um das Geld

Würden wir das als reine Rechenaufgabe betrachten, wäre der Fall leicht zu bewerten. Das Rätsel jedoch ist, warum wir diese so verlässlich falsch lösen, obwohl wir sie rein logisch verstehen. Der eigentliche Grund steht nicht in der mathematischen Rechnung, denn was uns hält, ist nicht das Geld, das ohnehin weg ist. Es ist die Aussage, die ein Ausstieg über uns selbst treffen würde.

Wer den Film abbricht, das Studium hinschmeißt, das Projekt beerdigt, muss sich einen Satz sagen, den niemand gern sagt: “Das war umsonst, ich habe mich geirrt”. Und dieser Satz fühlt sich nach Versagen an.

Weitermachen wiederum erspart uns diesen Satz. Solange es weitergeht, ist ja noch nichts endgültig verloren, das Urteil ist vertagt. Der Verlust wird erst in dem Moment wirklich, in dem er abgeschlossen wird. Also schließen wir ihn nicht ab und bezahle das Vertagen mit noch mehr Zeit, noch mehr Geld, noch mehr Jahren. Es ist dasselbe Phänomen, welches vor ein paar Wochen dran war, wo wir festgestellt haben, dass wir ein Urteil verteidigen, statt es zu prüfen. Nur verteidigen wir hier ein Urteil aus der Vergangenheit und wir verteidigen es gegen unsere eigene bessere Einsicht. Wir hängen am Ende nicht an der Sache, sondern hängen an dem Bild von uns, das mit ihr fallen würde.

Ausdauer oder Angst vor dem Kassensturz

Damit will ich keinesfalls sagen, brich alles ab, sobald es schwer wird. Das ist der umgekehrte Fehler und er ist genauso schwerwiegend. Manches Durchhalten ist keine Falle, sondern Treue, die Entscheidung, das Schwere zu Ende zu bringen, ein Versprechen zu halten und durch die Durststrecke zu gehen, nach der es besser wird. Der Unterschied liegt nicht darin, wie viel wir schon investiert haben, sondern wohin unser Blick gerichtet ist. Halte ich durch, weil vor mir noch etwas liegt, das den Weg wert ist? Oder halte ich durch, weil hinter mir zu viel liegt, um es zuzugeben? Das eine ist Ausdauer, das andere ist Angst vor dem Kassensturz.

Es gibt eine Frage, die den Unterschied ziemlich zuverlässig sichtbar macht. Nicht „Wie viel habe ich schon hineingesteckt?", sondern „Wenn ich heute frisch entscheiden könnte, ohne die Vergangenheit, mit allem, was ich jetzt weiß, würde ich noch einmal so einsteigen?" Fällt die Antwort ehrlich Nein aus, dann hält mich nicht die Sache als solche, sondern das eigene Eingeständnis, dem ich mich nicht stellen will. Die zwei Stunden Film bekomme ich ohnehin nicht zurück. Die dritte muss ich nicht auch noch dazugeben.


Für die kommende Woche

Such dir diese Woche eine Sache, an der du festhältst und bei der du insgeheim ahnst, dass sie sich nicht mehr lohnt. Das kann ein Abo sein, ein Projekt, eine Gewohnheit, ein Gerät. Stell dir dann die eine Frage: „Würde ich heute, ohne alles, was schon investiert ist, noch einmal so einsteigen?" Du musst nicht sofort handeln. Antworte nur ehrlich und beobachte, was allein der Gedanke ans Aufhören in dir auslöst.

Drei Fragen für unterwegs.

  1. Halte ich hier dran fest, weil vor mir etwas liegt, das es wert ist, oder weil hinter mir zu viel liegt, um es zuzugeben?

  2. Würde ich heute, mit allem, was ich jetzt weiß, noch einmal so einsteigen?

  3. Wovor schützt mich das Weitermachen, welchen Satz erspart es mir?

Viel Spaß beim Denken und bis nächste Woche.

— Luc



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Thinking from Scratch

by Luc Albrecht

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Luc Albrecht

Luc Albrecht schreibt über Denken, Entscheidungen und Selbstreflexion. Er interessiert sich für die Denkfehler, Gewissheiten und Geschichten, die unser Leben prägen und für die Fragen, die Perspektiven verschieben.

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