Warum klares Denken Übung erfordert
„Der Verstand ist die Krone der Schöpfung. Er kann denken. Er ist sich seiner selbst bewusst.“
Letzte Woche habe ich mich und meine Faszination fürs Denken vorgestellt. Aber was genau fasziniert mich und nutzen wir nicht alle bereits unseren Verstand?
Denken ist etwas, dessen man sich bewusst sein sollte
Wir denken jeden Tag, fast in jeder Sekunde. Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die in Gedanken mit sich selbst sprechen (ja, nur etwa 25–30 % der Menschen nutzen tatsächlich innere Sprache; Hurlburt et al., 2013). Oder vielleicht denkst du in visuellen Bildern, Emotionen, sensorischen Eindrücken oder abstrakten, non-verbalen Mustern. So oder so erleben wir alle die Welt durch die Linse unseres eigenen Verstandes.
Weil wir fast ständig denken, nehmen wir leicht an, dass wir Experten darin sind. Aber kannst du einen Halbmarathon laufen, nur weil du jeden Tag zur Arbeit gehst? Natürlich nicht. Und dasselbe gilt für bewusstes und kritisches Denken.
Unser Verstand führt uns durch die Welt und filtert, was für Überleben und Bedeutung am relevantesten erscheint. Um dies effizient zu tun, hat sich unser Denken so entwickelt, dass es Bedrohungen erkennt, Muster identifiziert und uns davor bewahrt, von der Flut eingehender Informationen überwältigt zu werden. Jede Sekunde sammeln unsere Sinne etwa 10 Milliarden Bits an Rohdaten, während unser bewusster Verstand nur etwa 10 Bits pro Sekunde verarbeiten kann (Zheng & Meister, 2024).
Das ist so, als würdest du jede Sekunde die Daten eines Full-HD-Films erhalten, aber bewusst weniger als ein einziges Wort verarbeiten.
Selbst wenn diese Zahlen nur Annäherungen sind, zeigen sie etwas Wesentliches: Wir nehmen bewusst nur einen winzigen Bruchteil dessen wahr, was uns umgibt. Um damit umzugehen, hat der Verstand faszinierende Abkürzungen entwickelt, Faustregeln, die uns helfen, schnell zu entscheiden und das oft ohne dass wir es merken.
Diese Abkürzungen werden Heuristiken genannt und sie sind sowohl unglaublich nützlich als auch überraschend trügerisch.
Heuristiken – warum sie sowohl hilfreich als auch irreführend sind
Unser Verstand ist nicht darauf ausgelegt, vor jeder Entscheidung jede Möglichkeit zu berechnen. Stattdessen verlässt er sich auf mentale Abkürzungen, quasi Trampelpfade, welche in der Psychologie Heuristiken genannt werden, um effizient durch die Welt zu navigieren.
Heuristiken sind schnelle, intuitive Regeln, die uns helfen, mit Komplexität umzugehen. Wir schätzen, wie wahrscheinlich etwas ist, danach, wie leicht wir uns an ein Beispiel erinnern können (Verfügbarkeitsheuristik), oder wir beurteilen eine Situation danach, wie sehr sie etwas Vertrautem ähnelt (Repräsentativitätsheuristik). Sie ermöglichen es uns, schnell zu handeln, oft mit bemerkenswerter Genauigkeit, was im Alltag entscheidend ist.
Stell dir vor, du überquerst eine Straße. Du berechnest nicht bewusst die Geschwindigkeit und Entfernung jedes Autos, du weißt einfach, wann es sicher ist zu gehen. Das sind Heuristiken in Aktion.
Sie machen Denken möglich in einer Welt, die uns sonst mit Daten überwältigen würde.
Aber es gibt einen Kompromiss. Dieselben Abkürzungen, die uns effizient machen, können auch unser Urteilsvermögen verzerren. Sie können dazu führen, dass wir Beweise ignorieren, unsere Intuition überschätzen oder Schlüsse ziehen, die sich einfach richtig anfühlen. Hier kommen Verzerrungen ins Spiel, systematische Denkfehler, die aus genau den Mechanismen entstehen, die uns normalerweise helfen.
Forschung in der kognitiven Psychologie zeigt uns, wie diese Abkürzungen alles von Finanzmärkten bis zu moralischen Entscheidungen prägen, und offenbart etwas zutiefst Menschliches:
Wir denken nicht in geraden Linien der Logik, sondern in Abkürzungen, Mustern und Geschichten. Und das ist kein Fehler, es ist ein Merkmal der Funktionsweise unseres Verstandes.
Die Herausforderung besteht darin, sich bewusst zu werden, wann unsere Abkürzungen uns dienen und wann sie uns in die Irre führen.
Sich bewusst werden, wie wir denken
Der erste Schritt zu klarerem Denken besteht nicht darin, Abkürzungen zu eliminieren, sondern sie zu bemerken.
Jedes Mal, wenn du dich sofort sicher fühlst bei etwas, halte für eine Sekunde inne.
Frage dich: Was macht mich so sicher?
Dieser kleine Moment des Bewusstseins verlagert den Prozess bereits vom Automatischen ins Reflektierte.
Und dort beginnt besseres Denken.
L. A.
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Hurlburt, R. T., Heavey, C. L., & Kelsey, J. M. (2013). Toward a phenomenology of inner speaking. Consciousness and Cognition, 22(4), 1477–1494. https://doi.org/10.1016/j.concog.2013.10.003
Zheng, J., & Meister, M. (2024). The Unbearable Slowness of Being: Why do we live at 10 bits/s? (No. arXiv:2408.10234). arXiv. https://doi.org/10.48550/arXiv.2408.10234
Reflexion beginnt mit Dialog.
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by Luc Albrecht
Exploring how we think, decide and create clarity