Du bist nicht faul, du bist überladen
Warum dein Kopf aufs Handy ausweicht, wenn die wichtige Sache wartet
Letzte Woche ging es um die Nächte, in denen das Denken kreist, ohne anzukommen. Diesmal geht es um die Tage, an denen wir Aufgaben ausweichen, obwohl sie klein wären, und um das Urteil, das wir danach über uns fällen.
„Ein Reichtum an Information erzeugt eine Armut an Aufmerksamkeit.“
Faulheit ist eine seltene Eigenschaft. Da mag der ein oder andere widersprechen. Aber ich habe schon viele Menschen kennengelernt, beim Lernen und Entscheiden beobachtet und dabei so gut wie alles gesehen: Erschöpfung, Angst vor der Aufgabe, Angst vorm Scheitern, das Zerteilen einer Aufgabe in zwanzig Unteraufgaben, bis die schiere Menge überwältigend schien. Echte Faulheit, also eine stabile Vorliebe fürs Nichtstun bei freier Kapazität, war fast nie darunter. Trotzdem gehört „Der ist einfach zu faul" zu den häufigsten Sätzen, die Menschen über sich selbst und andere sagen.
Zwei Minuten, drei Sätze
Bei mir selbst sah es zuletzt so aus: Eine Mail an den Versicherungsberater, seit vier Tagen offen. Zwei Minuten Arbeit, drei Sätze, ein Anhang. Ich setze mich abends hin, um sie endlich zu schreiben, und eine Stunde später weiß ich erstaunlich viel über die aktuelle Spieleindustrie (ich bin Hobbygamer), aber die Mail ist nicht geschrieben. Beim Zubettgehen meldet sich mein Gewissen von selbst: „Reiß dich mal zusammen. Du kriegst ja nicht mal drei Sätze hin."
Das Interessante daran fiel mir erst am nächsten Tag auf. An anderen Abenden schreibe ich dieselbe Art Mail nebenbei, zwischen Tür und Angel, ohne jeden inneren Widerstand. Ich bin dieselbe Person, es ist dieselbe Aufgabe und doch ein völlig anderer Ausgang. Eine Eigenschaft, die montags gilt und mittwochs nicht, ist aber keine Eigenschaft, sondern ein Zustand. Eigenschaften verändern sich nicht von einem Tag auf den anderen.
Wer die Fehldiagnose trotzdem behält, bezahlt sie doppelt: mit den Abenden, die im Ausweichen versinken, und mit einem Selbstbild, das aus ein paar überladenen Wochen einen Charakterzug macht und dann bei jedem neuen Vorhaben leise mitredet. Die Psychologie kennt die Wirkung solcher Etiketten gut. Dieses Labeling, also die Selbstattribuierung einer vermeintlichen Grundeigenschaft, prägt das Selbstbild und die Erwartung an die eigene Wirksamkeit, und beides steuert, was wir uns als Nächstes zutrauen. Aus dem Etikett wird so eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wir verhalten uns dem Bild entsprechend, um es nicht ständig anfechten zu müssen, und das Bild bestätigt sich.
Neunzehn Hintergrundprozesse
Was an solchen Abenden wirklich passiert, lässt sich nüchtern beschreiben. Der Teil unseres Denkens, der Dinge gleichzeitig präsent halten kann, das Arbeitsgedächtnis, ist begrenzt. Der Lernforscher John Sweller hat Ende der Achtziger gezeigt, dass Verarbeitung und Lernen messbar einbrechen, sobald diese Kapazität überschritten wird; er nannte das kognitive Last (Cognitive Load). Und diese Last besteht nicht nur aus dem, woran wir gerade arbeiten. Auch das Unerledigte belegt Platz, sogenannte Open Loops, wie die offene Zusage, der aufgeschobene Rückruf, die Entscheidung, die seit Wochen getroffen werden will. Wer zwanzig offene Dinge mit sich herumträgt, arbeitet nie an nur einer Aufgabe. Er arbeitet an einer Aufgabe gegen neunzehn Hintergrundprozesse. Ich vergleiche das gern mit offenen Browser-Tabs. Jeder frisst im Hintergrund Arbeitsspeicher, und für das eine Fenster, in dem gerade gearbeitet wird, bleibt weniger übrig.
Ein überladener Kopf tut dann etwas sehr Vorhersagbares, er fällt aufs Leichte zurück, auf das, was keine einzige Entscheidung mehr verlangt. Das Handy gewinnt an solchen Abenden nicht, weil es so stark zieht, sondern weil es nichts kostet. Ein Scroll, noch einer, Videos, eigens für uns kuratiert, der kognitive Aufwand liegt nahe null. Die Drei-Sätze-Mail dagegen verlangt lauter kleine Entscheidungen. Was genau schreibe ich? Was löst das bei meinem Gegenüber aus? Was folgt daraus für mich? Sie ist klein an Minuten, aber teuer an Kapazität. Das Ausweichen auf das Einfache ist kein Mangel an Willen, sondern die Flucht vor Aufwand und Folgen, die in einen vollen Kopf gerade nicht mehr hineinpassen.
Wo die Schwelle liegt, ab der ein Kopf ausweicht, ist von Mensch zu Mensch verschieden, und sie ist keine feste Größe. Sie verschiebt sich mit Übung und Gewohnheit, aber ebenso mit Schlaf, Tagesform, empfundener Unsicherheit und der Menge dessen, was gerade offen ist. Ein Teil dessen, was wir bei anderen bewundernd Disziplin nennen, ist schlicht eine günstig liegende Schwelle an einem aufgeräumten Tag.
Früher gab es eine populärere Erklärung, welche die Willenskraft als eine Art Tank beschrieb, der sich über den Tag leert und aus dem körperliche und geistige Anstrengung gleichermaßen ziehen. Dieses Konzept der Ego-Depletion (Erschöpfung des Selbst) war jahrelang überall, und ich hätte es hier gern erzählt, denn es ist eingängig. Nur ließ es sich nicht wiederholen. Über zwanzig Labore mit mehr als zweitausend Teilnehmern versuchten, den Effekt unter strengen Bedingungen zu reproduzieren, mit wenig Erfolg. Robust geblieben ist etwas Unbequemeres und, wie ich finde, Nützlicheres: Nicht deine Energie ist verbraucht, sondern deine Kapazität ist belegt. Ein leerer Tank verlangt Ruhe. Ein belegter Speicher verlangt, dass etwas freigegeben wird. Dazu passt, was Piers Steel 2007 in einem großen Überblick der Prokrastinationsforschung fand, denn aufgeschoben wird vor allem, was unangenehm ist und was gegen nahe Verlockungen antreten muss. Mit fehlendem Arbeitswillen hat das wenig zu tun. Die meisten notorischen Aufschieber arbeiten ununterbrochen, nur eben an allem außer der einen Sache.
Überladung ist dabei nicht der einzige Grund, aus dem wir nicht anfangen. Manchmal schützt das Zögern vor etwas anderem, zum Beispiel vor der Möglichkeit zu scheitern, aber das ist eine eigene Geschichte für einen eigenen Text. Für die einfache liegen gebliebene Drei-Sätze-Mail trägt meistens die einfachste Erklärung: Es ist schlicht zu viel offen.
Warum Druck es schlimmer macht
Hier liegt die eigentliche Wendung. Das Urteil „faul" ist mehr als nur voreilig, es ist selbst Last. Wer sich eine Eigenschaft diagnostiziert, erhöht den Druck mit noch mehr Vorsätzen, strengeren Plänen und dem festen Vorhaben, sich ab morgen zusammenzureißen. Druck aber ist Last, und Last war das ursprüngliche Problem. Der überladene Kopf bekommt eine Aufgabe mehr, nämlich den eigenen Charakter zu reparieren, weicht noch verlässlicher aus und liefert damit den nächsten Beweis für das Urteil. Eine geschlossene Schleife, das Urteil erzeugt das Verhalten, das es zu beschreiben glaubt. (Wie bereitwillig wir Belege für das sammeln, was wir ohnehin glauben, war hier vor zwei Wochen Thema. Die Schleife funktioniert auch nach innen.)
Ein Zustand dagegen verlangt keine Reparatur der Person. Er verlangt, dass sich die Lage ändert. Die nützliche Frage an einem solchen Abend ist deshalb nicht, warum ich so bin (die nehmen wir nur wieder grübelnd mit ins Bett), sondern was ich gerade alles mit mir herumtrage. Das ist eine zählbare Frage, und Zählen ist dem Urteilen an dieser Stelle weit überlegen. Meist ergibt die Zählung etwas, das ernüchternd und entlastend zugleich ist: Es ist schlicht zu viel offen. Dann ist der nächste Schritt nicht mehr Anstrengung, sondern Subtraktion. Eine Sache wird abgeschlossen, eine wird abgesagt und eine bekommt einen festen Platz außerhalb des Kopfes, wie einen Zettel oder einen Termin, damit sie aufhört, Arbeitsspeicher zu belegen. Der Widerstand vor der kleinen Aufgabe ist keine Wand, sondern ein Gewicht, das man ablegen kann.
Ich mag an diesem Gedanken, wie unaufgeregt er ist. Er verlangt keine Disziplin-Offensive und kein neues Ich ab Montag, nur einen Blick auf die Lage statt auf den Charakter. Vielleicht ist das, was du seit Jahren für deinen Charakter hältst, nur ein sehr voller Dienstag, der sich zu oft wiederholt hat.
Für die kommende Woche
Wenn du dich diese Woche beim Prokrastinieren ertappst, urteile nicht, sondern zähle. Schreib in einer Minute auf, was gerade alles offen ist: Aufgaben, Zusagen, unbeantwortete Nachrichten, Treffen mit Freunden, Zeit für die Familie, dein Trainingsplan, aufgeschobene Entscheidungen. Dann schließe eine einzige Sache oder gib ihr einen festen Platz außerhalb des Kopfes. Beobachte, was der Widerstand vor der eigentlichen Aufgabe danach macht.
Drei Fragen für unterwegs:
Wo nenne ich mich faul oder undiszipliniert, ohne je gezählt zu haben, was mich in dem Moment tatsächlich beschäftigt?
Welche offene Sache belegt seit Wochen Kapazität bei mir, obwohl sie längst einen Zettel oder einen festen Termin verdient hätte?
Weiche ich gerade der Aufgabe aus oder dem, was sonst noch alles bei mir offen ist?
Ich hoffe, dass du in dieser Woche einige offene Tabs schließen kannst, und wünsche dir eine gute Zeit.
— Luc
Luc Albrecht hat über Kritisches Denken und Entscheidungsverhalten promoviert. Er schreibt jede Woche darüber, wie Denken funktioniert, wo es uns täuscht und was das im Alltag kostet.
Wenn dich gerade selbst eine Entscheidung wachhält, gibt es dafür den zweiten Blick, sechzig Minuten gemeinsames Denken zu genau dieser Entscheidung.
→ Zum zweiten Blick
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Anderson, C. J. (2003). The psychology of doing nothing: Forms of decision avoidance result from reason and emotion. Psychological Bulletin, 129(1), 139–167.
Berglas, S., & Jones, E. E. (1978). Drug choice as a self-handicapping strategy in response to noncontingent success. Journal of Personality and Social Psychology, 36(4), 405–417.
Hagger, M. S., Chatzisarantis, N. L. D., Alberts, H., … Zwienenberg, M. (2016). A multilab preregistered replication of the ego-depletion effect. Perspectives on Psychological Science, 11(4), 546–573.
Simon, H. A. (1971). Designing organizations for an information-rich world. In M. Greenberger (Hrsg.), Computers, communications, and the public interest (S. 37–72). Johns Hopkins Press.
Steel, P. (2007). The nature of procrastination: A meta-analytic and theoretical review of quintessential self-regulatory failure. Psychological Bulletin, 133(1), 65–94.
Sweller, J. (1988). Cognitive load during problem solving: Effects on learning. Cognitive Science, 12(2), 257–285.
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Thinking from Scratch
by Luc Albrecht
Exploring how we think, decide and create clarity