Warum wir länger in unserer Erinnerung leiden als in der Realität
Wie das Ende einer Erfahrung bestimmt, wie wir uns das nächste Mal entscheiden.
„Wir leiden häufiger durch unsere Vorstellungskraft als durch die Wirklichkeit.“
Ein Besuch beim Zahnarzt
Ein sehr guter Freund von mir ist Zahnarzt, noch dazu ein guter. Gewiss wird er ein wenig schmunzeln über das, was ich heute schreiben werde. Bevor ich beginne, muss ich aber zugeben, dass meine Erfahrung mit Zahnärzten sehr positiv geprimt ist, denn mein Vater war ebenfalls einer von der Art, die einen Besuch fast angenehm machten. So durfte ich ausschließlich positive Erfahrungen verbuchen und erinnere mich vor allem an die Micky-Maus-Hefte, die ich in der Praxis damals immer lesen durfte. Trotzdem weiß ich natürlich, dass es vielen Menschen anders geht.
Du sitzt bei deiner Zahnärztin, eine Stunde lang ist nichts Aufregendes passiert, und auch wenn die Erfahrung, fremde Finger und Metallwerkzeuge im Mund zu haben, nicht unbedingt angenehm ist, ist sie zumindest eine Zeit lang gut erträglich. Der Sauger schlürft vor sich her, es schmeckt nach Kunststoff, du wirst gefragt, ob du den Mund noch ein wenig weiter öffnen könntest. Die Zahnärztin redet mit dir, du kommunizierst mit dem Vokabular einer Seerobbe zurück.
Doch dann fährt ein Schmerz durch den Zahn und du zuckst zusammen. Dir wird warm. Die Zahnärztin entschuldigt sich, setzt die Behandlung dann fort und kurze Zeit später ist es vorbei.
An der Rezeption wirst du bei der Neuterminvergabe gefragt, ob alles in Ordnung war. Du denkst kurz nach und dir fällt sofort diese eine Sekunde ein. Deine Antwort: “Es war ziemlich unangenehm.”
Die übrigen 59 Minuten spielen in diesem Augenblick keine Rolle mehr. Natürlich hat es sie gegeben, aber jetzt in diesem Moment haben sie kein Stimmrecht.
Was hängen bleibt
Schauen wir uns dieses Phänomen einmal im Labor an.
Schon 1993 untersuchten Daniel Kahneman und Kollegen, wie Studenten unangenehme Erfahrungen retrospektiv bewerteten. Dafür ließen sie 32 Probanden (alle männlich) ihre Hände in unangenehm kaltes Wasser tauchen.
Im ersten Durchgang blieben die Hände für 60 Sekunden in exakt 14 Grad kaltem Wasser.
Im zweiten Durchgang hielten die Probanden die Hände zunächst ebenfalls für 60 Sekunden in exakt 14 Grad kaltes Wasser, mussten aber dann noch weitere 30 Sekunden im Wasser ausharren, während das Wasser um exakt ein Grad erwärmt wurde.
Ein Grad wärmer. Noch immer unangenehm, aber nicht mehr ganz so schlimm, wie zuvor.
Der zweite Durchgang bestand also im Grunde aus Durchgang 1 plus eine halbe Minute zusätzlichem Kälteschmerz.
Als die Teilnehmer dann jedoch gefragt wurden, welchen der beiden Durchgänge sie noch mal wiederholen würden, entschieden sich 22 der 32 Probanden für den längeren Durchgang. Einer der Teilnehmer bemerkt außerdem selbst: “Die Wahl, die ich getroffen habe, ergibt irgendwie keinen Sinn”.
Was ich persönlich an diesem Experiment bemerkenswert finde, ist, dass die Probanden genau wussten, bei welchem Durchgang sie länger gelitten hatten, aber dass dieses Wissen kaum eine Rolle bei ihrer Entscheidung zu spielen schien. Ihr Urteil ließ sich an zwei Momenten festmachen: am unangenehmsten Punkt und am Ende der Erfahrung.
Weil der längere Durchgang weniger schlimm endet, ist diese Erfahrung mehr wert für die Entscheidung als die 30 zusätzlichen Sekunden Schmerz.
Zwei Selbst, ein Körper
Daniel Kahneman unterschied später zwischen zwei Formen des Selbst:
Das erlebende Selbst, das, was im Moment selbst dabei ist, spürt jede einzelne Sekunde, jeden Stich, jede Wartezeit und jede Erleichterung. Es ist sozusagen ganz im Hier und Jetzt.
Das erinnernde Selbst hingegen verdichtet diese Zeit zu einer Geschichte und legt die Schwerpunkte vor allem auf besonders eindrückliche Merkmale (Salienz). Man könnte sagen, für diese Form des Selbst zählen manche Minuten mehr als andere, es gewichtet. Es entscheidet im Nachhinein, ob die Behandlung schlimm war, ob die Reise schön war, ob sich das Gespräch gelohnt hat und ob wir etwas Ähnliches noch einmal tun sollten.
Besonders deutlich zeigt sich das bei kurzen und klar begrenzten schmerzhaften Erfahrungen. Weitergehend untersucht wurde dies 1996 in einer Studie, die Patienten während Darmspiegelungen und Nierensteinbehandlungen fortlaufend befragte, wie stark ihre Schmerzen seien. Obwohl die Behandlungen unterschiedlich lang waren und damit manche Patient:innen objektiv länger litten als andere, wurde die Bewertung hinterher stärker vom stärksten Schmerz und dem Schmerz in der letzten Minute beeinflusst. Damit bestimmte nicht die gesamte Erfahrung die Erinnerung, sondern lediglich der Höhepunkt und das Ende der Erfahrung.
Dieser Effekt wird auch als Peak-End-Rule bezeichnet: Erfahrungen werden rückblickend nicht als vollständige Aufnahme abgespielt, sondern als stark gekürzte Fassung erinnert, in der der intensivste Moment und das Ende überproportional viel Raum bekommen.
Die unbequeme Frage
2003 versuchten die Forschenden Donald Redelmeier, Joel Katz und Daniel Kahneman diesen Effekt bewusst bei Darmspiegelungen zu nutzen. In einer randomisierten Studie mit 682 Patienten wurde bei einem Teil der Patient:innen das Ende des Eingriffs künstlich verlängert, indem die Spitze des Endoskops noch eine kurze Zeit liegen blieb, ohne dass eine weitere Untersuchung stattfand. Obwohl die Prozedur dadurch länger wurde und die Patient:innen mehr Unbehagen aushalten mussten, fiel die Erinnerung an den Eingriff positiver aus, weil die letzten Momente dadurch weniger unangenehm waren als die eigentliche Untersuchung. Dadurch erhielt das erinnernde Selbst die bessere Geschichte, auch wenn das erlebende Selbst dafür bezahlen musste.
Genau hier wird aus dem psychologischen Effekt aber eine ethische Frage:
Ist eine Erfahrung besser, wenn sie sich hinterher besser anfühlt? Oder ist sie schlechter, weil das eigentliche Leiden künstlich verlängert wurde?
Leider gibt es keine neutrale Instanz, die diesen Konflikt für uns löst, denn wenn wir später entscheiden, ob wir eine Erfahrung noch mal wiederholen, ist das erlebende Selbst nicht mehr anwesend.
Vielleicht buchen wir deshalb erneut den Urlaub, dessen letzte zwei Tage besonders schön waren, obwohl wir uns die Woche davor gelangweilt haben. Oder wir gehen wieder in den Free-Fall-Tower, weil der Moment, als man erfolgreich den Sitz öffnet und mit wackeligen Beinen mit Freunden darüber lacht, die Panik am höchsten Punkt überschreibt. Oder vielleicht meiden wir einen Ort, einen Menschen oder eine Tätigkeit, weil ein einziger Moment am Ende alles überschrieben hat, was zuvor geschah.
Hier soll aber eine kleine Einschränkung vorgenommen werden, denn die Peak-End-Rule ist kein Naturgesetz für jede Art von Erinnerungen, sondern zeigt sich vor allem bei kurzen, abgegrenzten und eher gleichförmigen Erfahrungen mit einem klaren Höhepunkt und einem erkennbaren Ende. Bei längeren, vielfältigen Lebensabschnitten ist die Lage hingegen deutlich komplexer.
Auch das untersuchten Simon Kemp und Kollegen anhand mehrtägiger Urlaube. Die Dauer hatte auch dort wenig Einfluss auf die spätere Bewertung, der intensivste Moment und das Ende erklärten das Urteil jedoch deutlich weniger verlässlich als in den Schmerzexperimenten.
Ein Urlaub ist keine Hand in kaltem Wasser oder ein Zahnarztbesuch, sondern ist komplexer und besteht aus vielen unterschiedlichen Episoden, Erwartungen und nachträglichen Erzählungen. Solche langen Perioden auf zwei Messpunkte zu reduzieren, wäre daher etwas zu groß gefasst.
Dennoch bleibt der zugrundeliegende Gedanke eindrücklich: Unsere Erinnerung zählt Zeit und Erfahrungen nicht gleichmäßig.
Die verlorenen Stunden
Vielleicht ist das größere Problem hier nicht, dass schlechte Enden unsere Erinnerung verderben, sondern vielleicht, dass lange und ruhige Zeiten kaum etwas hinterlassen. Sie werden gerne als langweilig wahrgenommen, doch liegt in ihnen auch etwas Beruhigendes. Der Nachmittag, an dem nichts Besonderes geschieht, das Abendessen, welches weder außergewöhnlich gut noch schlecht war, eine Stunde auf dem Sofa oder ein Spaziergang ohne Aussichtspunkt, Foto oder überraschende Erkenntnis.
Für unser erlebendes Selbst können all diese Momente schön und angenehm sein, enthalten für unser erinnerndes Selbst hingegen kaum Material. Wir erinnern uns dann diffus an die “schönen entspannten Momente” zurück. Kein Höhepunkt, keine Pointe, kein starkes Ende. Sie waren da, doch später ist fast nichts von ihnen übrig.
Wichtig ist aber, dass das diese Zeit nicht wertlos macht, und vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Sie erhalten ihren Wert jedoch anders, und zwar im Moment selbst, wenn man sie bewusst erlebt. Wenn Dauer im Leben wenig zählt, zählt der Moment im Hier und Jetzt mehr.
Das erinnernde Selbst fragt: “Was bleibt davon?”
Das erlebende Selbst würde die Frage stellen: “Wie war es, als es geschah?”
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An der Rezeption der Zahnärztin denkst du trotzdem an diesen einen kurzen Moment, an den Stich. Du lügst nicht, wenn du sagst, dass du die Behandlung als unangenehm empfunden hast, denn deine Erinnerung erfindet es nicht. Sie hat nur sehr viele andere Minuten von der Bewertung ausgeschlossen.
Vielleicht müsste die ehrlichere Antwort deshalb lauten:
“Eine Sekunde war ziemlich schlimm. Der Rest eigentlich nicht.”
Für die nächste Woche
Nimm dir diese Woche eine Erfahrung vor, die du normalerweise als langweilig oder durchschnittlich bezeichnen würdest.
Kein Foto, keine Nachricht darüber, keine gedankliche Ausschmückung, wie du sie später erzählen könntest.
Es kann ein Spaziergang sein, ein Essen, eine Zugfahrt oder eine halbe Stunde auf einer Parkbank.
Beachte nur, wie es ist, die Zeit zu erleben, die vielleicht keine gute Erinnerung ergeben wird, im Moment selbst aber schön sein darf.
Drei Fragen
Welche zwei Momente tragen mein Urteil über eine vergangene Erfahrung und wie viel Zeit übergeht meine Erinnerung?
Ist meine Entscheidung gerade geprägt von meinem Selbst, das etwas erinnert, oder meinem Selbst, das etwas erlebt hat?
Was in meinem Leben an Routinen oder Momenten ist lang, ruhig und wird kaum etwas hinterlassen und wäre das tatsächlich schlimm?
Viel Freude beim Darübernachdenken und bis nächste Woche.
— Luc
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Fredrickson, B. L., & Kahneman, D. (1993). Duration neglect in retrospective evaluations of affective episodes. Journal of Personality and Social Psychology, 65(1), 45–55. https://doi.org/10.1037/0022-3514.65.1.45
Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. Random House GmbH.
Kahneman, D., Fredrickson, B. L., Schreiber, C. A., & Redelmeier, D. A. (1993). When More Pain Is Preferred to Less: Adding a Better End. Psychological Science, 4(6), 401–405.
Kemp, S., Burt, C. D. B., & Furneaux, L. (2008). A test of the peak-end rule with extended autobiographical events. Memory & Cognition, 36(1), 132–138. https://doi.org/10.3758/MC.36.1.132
Redelmeier, D. A., & Kahneman, D. (1996). Patients’ memories of painful medical treatments: Real-time and retrospective evaluations of two minimally invasive procedures. Pain, 66(1), 3–8. https://doi.org/10.1016/0304-3959(96)02994-6
Redelmeier, D. A., Katz, J., & Kahneman, D. (2003). Memories of colonoscopy: A randomized trial. Pain, 104(1), 187–194. https://doi.org/10.1016/S0304-3959(03)00003-4
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