“Ich wollte ja schon immer mal”

Die Hemmschwelle unserer Träume

Dum differtur vita transcurrit.
Während man es aufschiebt, verrinnt das Leben.
— Seneca, Briefe an Lucilius, 1. Brief
Studienskizze eines Abreißkalenders in dunkler Tinte, von dem ein leeres Kalenderblatt gerade nach unten wegfällt

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nur dieses eine Leben haben und es daher mit all seinen Facetten erfahren sollten. Doch immer wieder ertappe ich mich selbst und auch viele in meiner Familie oder im Freundeskreis bei Aussagen wie “Oh, das wollte ich auch immer schon mal machen” oder “Irgendwann mache ich das auch mal”.

Die Häufigkeit, mit der mir das in letzter Zeit begegnet ist, brachte mich dazu, mir Gedanken darüber zu machen, warum wir so oft von etwas träumen, die Sache selbst aber dann häufig aufschieben oder ganz verfallen lassen.

Die Reise nach Paris

Ich sitze bei einem Familienbesuch in der Küche. Meine Frau und ich waren schon länger nicht in der Heimat und so nutzen wir die Zeit, von den Erlebnissen der vergangenen Monate zu berichten, zu denen auch unsere letzte Reise nach Paris gehört. Wir lieben die Stadt, das Essen, das Lebensgefühl, die Kunst und lassen uns wahnsinnig gerne einfach durch die Straßen treiben, denn es gibt immer etwas zu entdecken. Während wir davon erzählen, wie wir an der Seine entlangspazierten und Eis von Berthillon aßen, höre ich es wieder: “Oh, das würde ich auch so gerne machen!”

Alle nicken, jemand sagt “Ja, das solltest du unbedingt mal machen” und das Gespräch geht weiter. Keiner fragt nach dem Wann, es hängt in der Luft und vergeht.

Das Merkwürdige für mich ist, dass sich diese Aussage nach einem Wunsch anhört. Einem ziemlich großen sogar, wenn ich die Häufigkeit bedenke, mit der er geäußert wird. Dieser Satz scheint aber auch der zuverlässigste Ort zu sein, an dem diese Wünsche verschwinden können, ohne dass wir sie aufgeben müssen.

Wenn das Träumen unsere Träume sterben lässt

Träume sind angenehm, und das intensive Denken an ein diffuses zukünftiges Ereignis gibt uns das Gefühl, schon etwas für das Erreichen dieses Ziels geleistet zu haben. So fanden Gollwitzer et al. (2009) heraus, dass das Äußern identitätsbezogener Absichten dazu führte, dass zielgerichtete Maßnahmen weniger konkret umgesetzt wurden, wenn sie von anderen zur Kenntnis genommen wurden, als wenn die Äußerung ignoriert wurde. Das Gefühl von Zuspruch durch die Reaktion der anderen erzeugte bereits ein Gefühl von Anerkennung, ohne etwas dafür getan zu haben, und schwächte somit die Motivation. Die Erwartung, es schaffen zu können, und die Fantasie, wie schön es wäre, fühlen sich innerlich fast gleich an, wirken aber gegenteilig. Oettingen und Mayer (2002) zeigten in vier Experimenten, dass das Fantasieren den eigenen Antrieb reduziert und bei den Proband:innen sogar der Blutdruck sank. Je wichtiger einem eine Sache ist, desto größer fällt der Verlust an Antrieb aus und desto teurer wird das bloße Ausmalen.

Ein Wunsch ohne Datum kann zudem nicht scheitern und er kostet nichts. Ich brauche mich nicht in unsichere Gewässer zu begeben, die ich vielleicht nicht kontrollieren kann, wie die Konfrontation mit einer Sprache, die ich nicht verstehe, am erträumten Reiseort. Es schützt mich vor der mentalen Belastung des Planens und des damit verbundenen Aufwands, meinen aktuellen Alltag dafür zu verändern. Wenn ich gerne Italienisch lernen möchte, würde das bedeuten, jeden Tag Zeit einzuplanen, um tatsächliche Fortschritte zu erzielen, und diese Zeit steht nicht für meine Alltagsroutinen zur Verfügung.

Besonders zu klar umrissenen Anlässen wie Geburtstagen, Jahres- oder Monatsanfängen steigen Suchanfragen mit Bezug auf gesunde Ernährung, Fitness oder andere Selbstverpflichtungen deutlich an. Solche Zeitmarken setzen einen Schnitt und erlauben uns, das bisherige Scheitern in eine abgeschlossene Periode zu schieben. Sie eröffnen uns unser Potenzial, indem wir das alte Ich hinter uns lassen, bürden uns aber damit auch eine Last auf, jetzt jemand gänzlich Neues zu sein. Die hohen Erwartungen und Einschnitte, die mit einem “New Me” einhergehen, sind jedoch kaum durchhaltbar, und die Alltagsroutinen sind der Boden, auf den wir dann zurückfallen, wenn wir dem nicht gerecht werden.

Der Wunsch, eine neue Sprache zu lernen, eine Reise zu unternehmen, ein Instrument zu lernen oder endlich fit zu werden, bewahrt zudem ein mögliches Leben als angenehme Vorstellung auf. Der Satz hält die Möglichkeit offen, jemand anderes zu sein. Tatsächlich konkrete Schritte zu unternehmen, würde aber die Realität Einzug halten lassen und die Erwartungshaltung mit ihr abgleichen. Das Schließen dieser Möglichkeit nimmt einem das subjektiv empfundene Potenzial und damit den Antrieb. Wenn wir konkret werden, tauschen wir eine schöne Idealvorstellung gegen eine als mittelmäßig empfundene Realität ein.

Das wahre Bedauern

Die Übersichtsarbeit von Gilovich und Medvec (1995) zeigte, dass Menschen kurzfristig vor allem das bereuen, was sie getan haben, aber langfristig bedauern, was sie nicht getan haben.

Wir scheuen uns davor, die Idee umzusetzen, die wir schon so lange haben, die Videos zu drehen, die wir schon lange posten wollten, die Reise zu planen, die wir schon immer unternehmen wollten, weil wir Angst haben, uns kurzfristig lächerlich zu machen, Geld zu verlieren oder Sicherheit gegen Unsicherheit einzutauschen. Dabei werden diese Dinge langfristig diejenigen sein, auf die wir zurückblicken und sagen: “Hätte ich das doch einfach gemacht.”

Die Gefahr liegt nämlich selten direkt in unserer Reichweite, sondern dort, wo wir sie (noch) nicht sehen können. Nämlich in dem Moment, in dem wir erkennen, dass die Möglichkeiten vergangen sind und wir keine von ihnen ergriffen haben.

An dieser Stelle soll dies nicht ein einfacher Appell im Sinne eines Kalenderspruchs sein, der sagt “Fang endlich an”, sondern ein Weckruf, sich Gedanken darüber zu machen, was man in diesem Leben erfahren und erleben möchte, und sich bewusst zu machen, was der Preis dafür ist, wenn wir es nicht heute tun.

Stell dir die Frage, ob du auf deiner Bucket-List Dinge stehen hast, auf die du in zwanzig Jahren nicht verzichten möchtest, sie gemacht zu haben. Und wenn es tatsächlich Dinge gibt, die dich mit Vorfreude erfüllen und dich aufgeregter werden lassen, behalte sie zunächst für dich und gib einem ersten kleinen Schritt ein konkretes Datum und einen klaren Trigger.

“Wenn ich am Mittwochabend von der Arbeit komme, esse ich eine Kleinigkeit und mache 10 Minuten Sport.” Davor stellst du dir die Sportschuhe, Matte und Handtuch bereits morgens hin, sodass die Hemmschwelle so klein wie möglich wird. Vielleicht bleibt es ja nicht bei 10 Minuten, aber schon durch das kleinste mögliche Ziel wird es konkret und ein Schritt in die richtige Richtung. Alternativ kann das auch das Installieren einer Sprach-App für das Lernen einer neuen Sprache oder das Planen der langersehnten Reise sein.


Für die nächste Woche

Übung

Nimm eine Sache von deiner Irgendwann-Liste und mach genau zwei Dinge damit:

Erstens: Gib ihr ein konkretes Datum, egal welches.

Zweitens: Formuliere den ersten Schritt als Wenn-dann-Satz, der an eine Gelegenheit gebunden ist, die in dieser Woche sowieso eintritt. Also nicht ein “Ich nehme mir vor”, sondern ein “Wenn ich am Samstag meinen Morgekaffee trinke, recherchiere ich für die Reise”.

Drei Fragen:

  1. Welche Funktion hat der Satz “irgendwann mal” gerade für mich?

  2. Wovor schützt mich dieser Wunsch, solange er kein Datum hat?

  3. Welche Sache auf meiner Liste würde ich in zwanzig Jahren vermissen und welche nicht?

Viel Freude beim Darübernachdenken und bis nächste Woche.


— Luc



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Thinking from Scratch

by Luc Albrecht

Exploring how we think, decide and create clarity

Luc Albrecht

Luc Albrecht schreibt über Denken, Entscheidungen und Selbstreflexion. Er interessiert sich für die Denkfehler, Gewissheiten und Geschichten, die unser Leben prägen und für die Fragen, die Perspektiven verschieben.

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Warum wir länger in unserer Erinnerung leiden als in der Realität